Petra Morsbach
Gottesdiener
Übersetzt von Maria Przyby³owska und Eliza Borg. Wydawnictwo Homini, Kraków 2009, 351 S. (Originalausgabe: Eichborn Verlag, Frankfurt a. Main 2004)
Es ist eine aussergewöhnliche und zugleich völlig unspektakuläre Geschichte, die im Roman Gottesdiener erzählt wird: Das Leben des Dorfpfarrers Isidor Rattenhuber, rothaarig, wenig ansehnlich und von Kind an stotternd, irgendwo im Bayerischen Wald. Seine Familienverhältnisse sind alles andere als idyllisch. Aus dem armen, lieblosen Elternhaus führt sein Weg zum Priester. In der Liturgie erlebt er Ordnung und Geborgenheit, beim Vorlesen der Heiligen Schrift verliert sich sein Stottern.
Der Zeitraum der eigentlichen Handlung umfasst nur die wenigen Tage vom letzen Adventssonntag bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag. Sein Werdegang, seine Geschichte wird in Rückblenden erzählt. Dazwischengefügt sind die Geschichten der anderen, denen Isidor im Laufe seines Lebens begegnet, seiner Familie, der Mitschüler am Priesterseminar, der Vorgesetzen, seiner Gemeindemitglieder, der Freunde, der Frau, in die er sich schliesslich verliebt. Einzelne Episoden werden zu einer Geschichte zusammengefügt, die im Alltag angesiedelt ist. Es geht nicht um die grosse, überwältigende Glaubenserfahrung, um das angeblich sichere Wissen von der Existenz einer höheren Macht, sondern um die Brüche, die Schwierigkeiten, die Verfehlungen, die Enttäuschungen und um Zweifel, Anfechtungen und Versagen. Es sind traurige, komische, ergreifende Situationen.
Petra Mosbach liebt das Episodenhafte. In einem Interview sagte sie über ihre Romanfigur Isidor Rattenhuber und über ihre Erzählweise: "Die Episode, das ergibt sich aus seinem Beruf. Er steht im Zentrum dieses Dorfes, hat mit den Leuten zu tun, sie kommen auf ihn zu und wollen was von ihm, er selbst erlebt sie episodenhaft. Aber für mich war reizvoll, künstlerisch, in diesen kurzen Episoden die Problematik einer ganzen Existenz aufzuschlagen und sie zu messen an der spirituellen Frage: Was soll das Ganze, was kann man tun, was kann der Pfarrer tun, was hat das Leben mit den Menschen vor?"
Der Roman Gottesdiener ist kein kirchenkritisches Buch. Er hält sich von Polemik fern und fragt eigentlich nach dem Stellenwert von Religion in einer weitgehend säkularisierten Welt und danach, wie es jemandem ergeht, der den Glauben zum Beruf und zum Lebensinhalt macht und der die Widersprüche nicht leugnet, sondern lebt. Denn das Leben kann, wie der Schriftsteller Ödön von Horváth bemerkte, im Ganzen zwar tragisch, aber im Einzelnen durchaus komisch sein.